Die Journalisten und der Wintereinbruch

Ich frage mich schon länger, wie Journalisten das Meinungsklima wahrnehmen, was sie also vermuten, wie ihre Leserschaft mehrheitlich denkt. Über die politische Meinungsklimawahrnehmung durch Journalisten denke ich mal nach, wenn ich sehr viel Zeit habe. In diesem Beitrag geht es darum, warum Journalisten offenbar vermuten, dass die Leser sich einen Wintereinbruch wünschen.

Jedes Jahr vor Weihnachten sammeln sich auf den Internetseiten der Massenmedien Beiträge über die “Chancen” für oder die “Hoffnung” auf “weiße Weihnachten. Beim Lesen entsteht zumindest bei mir der Eindruck, dass offenbar alle Menschen in Deutschland einen sehr sehnlichen Wunsch haben: Dass es an Weihnachten schneit und der Schnee auch liegenbleibt. Ich selbst finde Schnee am Jahresende nicht so gut: Ausgerechnet, wenn viele Menschen reisen, sind blockierte Autobahnen, herabstürzende Oberleitungen bei der Bahn und gesperrte Flughäfen eher unangenehm. Ich erinnere zum Beispiel an das Schneechaos an Heiligabend 2010. Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dss die deutsche Bevölkerung einhellig den Wunsch nach weißen Weihnachten verspürt, wie es mancher von Journalisten verfasste Artikel zur passenden Jahreszeit suggeriert.

Noch mehr als für weiße Weihnachten gilt mein Verdacht auf eine verzerrte Meinungsklimawahrnehmung bei Journalisten für Beiträge, in denen von der Hoffnung auf einen Wintereinbruch im März die Rede ist oder es ebenfalls für März (!) heißt: “Die Hoffnung auf Schnee ist also noch nicht verloren“. Ich für meinen Teil hoffe im März auf die ersten warmen Frühlingstage und nicht auf Schnee, Matsch und glatt!

Es ist nicht ganz einfach herauszubekommen, ob ich falsch liege oder die Journalisten, die einfach mal allen Leuten unterstellen, sich nach Winterweter zu sehnen. Das IfD Allensbach hat angeblich herausgefunden, dass sich 70 Prozent der Deutschen winterliches Wetter an Weihnachten wünschen. Die von Statista referierte Frageformulierung ist allerdings anfällig für Akquieszenz-Effekte: “Finden Sie es besonders schön, wenn an Weihnachten Schnee liegt, oder ist Ihnen das nicht so wichtig?”. Ich würde mir hier eine Dialogfrage wünschen, wo der eine Dialogpartner sagt “Ich finde es besonders schön, wenn an Weihnachten Schnee liegt” und der andere sagt “Ich sehe das anders: Schneewetter ist ungemütlich und behindert gerade zu Weihnachten den Verkehr”. Aber auch mit der verwendeten Frageformulierung sind immerhin 30 Prozent der Leute nicht an Winterwestter zu Weihnachten interessiert. Und dass man bei einer Frage zur Hoffnung auf einen Wintereinbruch im März nochmal auf 70 Prozent Zustimmung kommen könnte, halte ich für sehr unwahrscheinlich.

Wie kommt die Begeisterung der Journlisten für Winterwetter wohl zustande? Meine Vermutung ist, dass sie eine Analogie zum Sommerwetter herstellen: Im Sommer ist sonniges und trockenes Wetter (vermutlich) tatsächlich von vielen Menschen ewünscht, wenn nicht ersehnt (erst recht nach einem kalten Journalistenwinter…). Schlussfolgerung: Wenn die Leute es im Sommr trocken und sonnig mögen, dann wollen sie doch im Winter sicher kalt und Schnee haben, oder?